Weichmacher - Phthalate

Vorkommen

Sogenannte Phthalate haben ein breites Anwendungsspektrum und dienen im Bausektor hauptsächlich als Weichmacher für Flammschutzmittel und Kunststoffe [1]. Am bekanntesten ist es als Zusatz in Bodenbelägen aus PVC (Polyvinylchlorid) sowie Latex-Farben und Lacken; auch Kosmetika und pharmazeutische Mittel beinhalten diese Weichmacher, um nicht spröde zu werden. Leider verbleiben Phthalate nicht im eingebrachten Material, sondern gasen aus und gehen bei Kontakt auf andere Materialien über. Mittlerweile gibt es ein sehr breites Anwendungsspektrum für Weichmacher in der Industrie. Sie werden in großen Mengen hergestellt und weisen eine hohe Beständigkeit auf, weshalb sie so gut wie überall nachweisbar sind: in der Luft, im Wasser, im Boden... [2]

Hauptsubstanz in Weichmachern

Gesundheitsgefährdung?

Weichmacher gehören zu den schwer flüchtigen organischen Substanzen, die sich hauptsächlich im Hausstaub niederlegen. Vor allem Kleinkinder nehmen, auf ihr Körpervolumen gerechnet, verhältnismäßig viel der Weichmacher (vor allem DEHP (Di-(2-ethylhexyl-)Phthalat) über Mund und Haut auf. Neben der hormonähnlichen Wirkung soll sich DEHP, laut einer dänisch-schwedischen Studie aus 2004, auch auf die Bronchien von Kindern auswirken (Asthma, Katarrh der Nasenschleimhaut) [3].

Ein Forscherteam aus München und Leipzig konnten in einer aktuellen Studie [4] einen Zusammenhang zwischen Phthalaten und dem Allergierisiko bei Kindern zeigen. Demnach ergibt sich ein erhöhtes Risiko für Kinder an allergischem Asthma zu erkranken, wenn die Mutter in der Schwangerschaft besonders stark mit Phthalaten belastet gewesen ist.

Lange Zeit wurden Weichmacher als unproblematisch eingestuft, da sie nicht akut toxisch wirken. Studien zur Langzeitwirkung stellten bei Tieren eine Schädigung von Leber und Niere sowie das Wachstum von Leber- und Nierentumoren fest. Weiterhin war die Fortpflanzung und die Embryonalentwicklung der Tiere beeinträchtigt. [1]

Belastung durch Hausstaub??

Produkte mit hohem Weichmacheranteil gasen nicht automatisch viel davon aus. Das Ausgasen ist abhängig von verschiedenen Faktoren, wie Lufttemperatur, Luftfeuchte, Materialtemperatur, aber auch davon, wie stark die Weichmacher im Material gebunden sind ("Geliergrad"). Und das sieht man dem Material leider nicht an. Sprich, zwei Produkte mit gleichem Weichmacheranteil gasen unterschiedlich stark aus, weil sie in dem einen fester gebunden sind als in dem anderen. Ganz verhindert werden kann das Ausgasen allerdings nicht. [5]

 

Wie viel Weichmacher über den Hausstaub im Körper aufgenommen wird, ist recht unklar. Eine Studie aus 2010 [6] konnte keinen direkten Zusammenhang zwischen Weichmacher im Hausstaub und der täglich aufgenommen Dosis an DEHP feststellen. Die Aufnahme der Weichmacher aus dem Hausstaub in den  Körper ist auch wieder vielen Einflüssen unterworfen. Also, viel DEHP im Staub bedeutet nicht viel DEHP im Körper. Umgekehrt gilt das leider auch, wenig DEHP im Staub bedeutet nicht zwingend auch wenig im Körper...

FAZIT: Weichmacher sind gesundheitsgefährdende Substanzen und in beinahe jedem Kunststoffprodukt enthalten. Um das Risiko von Krankheiten (vor allem bei Kleinkindern) zu reduzieren, sollten wir die Konzentrationen derartiger Stoffe im Wohnbereich so gering wie möglich halten.

Phthalate sind eine komplizierte Angelegenheit. Zum Einen sollte im Verdachtsfall mit Kollegen der Umweltmedizin kooperiert werden, die Blut und Urin auf Rückstände untersuchen können. Zum Anderen ist es wichtig, dass Messtechniker eine angemessen hohe Zahl an Einzelproben in Innenräumen nehmen, um das "Ausgasungspotential" von verdächtigen Materialien richtig bewerten und damit eine korrekte Gefährdungseinschätzung vornehmen zu können.

Präventive Maßnahmen oberer Instanzen

Das lange benutzte und fortpflanzungsschädigende DEHP wurde in der letzten Jahren vermehrt durch andere Substanzen wie DINP (Di-isononylphthalat-Gemisch) und DIDP (Di-isodecylphthalat-Gemisch) ersetzt. Diese Stoffe wurden bislang nicht als gefährliche Stoffe eingestuft, trotz der potentiell hormonähnlichen Wirksamkeit (Stufe kat2). Aus Vorsorgegründen hat die EU-Kommission ein Verbot beider Stoffe für Babyartikel und Kinderspielzeug erlassen. Bei alten Produkten ist vermutlich dennoch Vorsicht geboten...

 

Außerdem werden Phthalate zunehmend durch sogenannte Ester aliphatische Carbonsäuren (z. B. DEHA) verdrängt. In ihrer Stoffwirkung ähneln sie den Phthalaten, sollen aber weniger toxisch, dafür aber teurer in der Herstellung sein. [3]

Quellen:

[1] Umweltbundesamt Berlin - Leitfaden zur Anwendung umweltverträglicher Stoffe Teil 3 und 5, UFOPlan Förderkennzeichen 201 28 2013, Berlin 2003.

[2] Wormuth, M. (2006) Consumer exposure to chemical substances with divers applications - Contributions from retail products, building materials and diffuse sources (Dissertaton 2006).

[3] http://www.alab-berlin.de/fachartikel/schadstoffinfos.html#top9

[4] Jahreis, S., Trump, S., Bauer, M. et al. (2017) Maternal phthalate exposure promotes allergic airway Inflammation over two Generation through epigenetic modifications. Journal of allergy and clinical immunology . DOI: 10.1016/j.jaci.2017.03.017

[5] Hartmann, A., Glander, F. (1954) Zur Kenntnis des Geliervorgangs von Polyvinylchlorid mit Weichmachern. Kolloid-Zeitschrift 137(2/3):79-86.

[6] Volland, G., Gabrio, T., Wodarz, R., Hansen, D., Mann, V., Hildebrand, S. (2010) Einfluss von Di-(2-ethylhexyl-)Phthalat (DEHP) in Hausstaub und Innenraumluft für die tägliche DEHP-Aufnahme. Gefahrstoffe Reinhaltung der Luft 70(3):83-88.

 

Der Großteil der Informationen dieses Artikels wurden aus folgendem Buchkapitel entnommen:

Volland, G. - Phthalate. in: Zwiener, G., Lange, F-M. -  Gebäude-Schadstoffe und gesunde Innenraumluft. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2012.